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Stefan Zweig: Meisternovellen

Alke Raven

Biographische Notizen
Stefan Zweig wurde 1881 als zweiter Sohn eines wohlhabenden jüdischen Ehepaares – der Vater war Textilunternehmer, die Mutter entstammte einer Bankiersfamilie – in Wien geboren; in seiner 60 Jahre später beendeten Autobiographie „Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers“ beschrieb er sowohl die erfahrenen Restriktionen durch die Starre des damaligen Schulsystems als auch sein schon in der Jugend einsetzendes Interesse für die neuen kulturellen Strömungen des Fin de Siècle. Bereits 1891 erscheint sein erster Gedichtband – in den darauffolgenden Jahren wirkt er u.a. als Übersetzer und Herausgeber, später folgt seine große Karriere als Schriftsteller. In den 1920er und 30er Jahren gehört er weltweit zu den gefragtesten deutschsprachigen Autoren, seine Werke erscheinen in mehr als 50 Sprachen.

Den ersten Weltkrieg hatte er als Mitarbeiter im Wiener Kriegsarchiv und in der Schweiz überstanden, während des zweiten lebte der vielgereiste jüdische Kosmopolit mit mittlerweile britischer Staatsangehörigkeit in England und Amerika. Sein letzter Wohnort war Petrópolis (Rio de Janeiro); dort wählte er, zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Charlotte, 1942 den Freitod. Er hinterließ seine Autobiographie, Biographien, Monographien, einen Roman, ein Libretto, Novellen, Kurzgeschichten, Essays, Übersetzungen, zwei unvollendete Romane und zigtausende von Briefen. Die brasilianische Regierung ehrte sein Leben mit einem Staatsbegräbnis.

Das Werk in der Kritik
Bei der Beschäftigung mit literaturwissenschaftlichen Kommentaren zu seinem Werk begegnen einem auch pejorative Bemerkungen; in einem nicht unbedeutenden Fachlexikon ist sogar von „geringer künstlerischer Originalität“ die Rede. Aber Zweig besaß die faszinierende Gabe, mit formvollendeter sprachlicher Stilistik und psychologischer Durchdringung der Gefühlsmomente seiner Figuren den Leser in die fiktiven Welten hineinzuziehen und ihn die äußerlichen und emotionalen Geschehnisse unmittelbar miterleben zu lassen. Gerade der hier vorzustellende Novellenband zeugt beispielhaft von Zweigs sprachlicher und empathischer Kraft. Geschildert werden die Erlebnisse von Menschen, deren Gefühle nicht im Einklang mit ihrer Lebenssituation stehen. Wohl auch um der Gefahr zu entgehen, als Autor mit den erschaffenen Figuren gleichgesetzt zu werden, konstruierte Zweig oftmals Distanz schaffende Rahmenhandlungen, mittels derer er die von Obsessionen geprägten Gedanken und die mitunter pikanten Handlungen seiner Protagonisten wiedergeben konnte.

Seit Anfang des Jahrhunderts hatte Sigmund Freud vordem tabuisierte Themen der Sexualpsychologie ins Licht des medizinischen Diskurses gesetzt; der mit dem Arzt und Psychoanalytiker jahrzehntelang korrespondierende Stefan Zweig wurde der Autor, der nicht zuletzt mit seinen Novellen den interessierten Lesern außergewöhnliche Sehnsüchte und Passionen nachvollziehbar machte. Jedoch vermied er trotz des narrativen Detailreichtums elegant den kulturellen Fauxpas der Obszönität. Auf diese Weise wurde Zweig zum anerkannten und vielgelesenen Schriftsteller – auch der Nationalsozialismus mit seiner Ächtung der von Juden verfassten Bücher konnte seinen fortschreitenden interkontinentalen Erfolg nicht verhindern.

Inhalt
Das Fischer-Taschenbuch „Meisternovellen“ (496 Seiten) enthält neun der berühmtesten konzentrierten Erzählungen Zweigs (Klammer: Ersterscheinungsjahr); einige wurden mehrfach verfilmt:
„Brennendes Geheimnis“ (1911), „Der Amokläufer“ (1922), „Brief einer Unbekannten“ (1922), „Die Frau und die Landschaft“ (1922), „Verwirrung der Gefühle“ (1927), „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ (1927), „Episode am Genfer See“ (1926), „Die unsichtbare Sammlung“ (1933) sowie die legendär gewordene „Schachnovelle“ (Brasilien 1942).

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